English Version

 

Meudalismus
Fakten

blank
Share |

Gert Raeithel, Geschichte der nordamerikanischen Kultur, Band 3, Weinheim 1989, S. 5 ff.:

I. Kapitel

DIE ZEIT DES NEW DEAL

Der Nachholbedarf nach dem Krieg, die Hochkonjunktur in der Bauwirtschaft, die Entstehung neuer Industrien auf dem Elektrosektor, die rapide Entwicklung im Flugzeugbau und in der Filmbranche hatten ein günstiges Investitionsklima geschaffen. Zwischen 1919 und 1929 verdreifachte sich die Automobilproduktion. Die Käuferschaft zeigte sich konsumfreudig und machte von Kreditmöglichkeiten Gebrauch wie nie zuvor. Unter diesen Umständen fiel es nicht schwer, wirtschaftlichen Optimismus an den Tag zu legen oder sogar in Euphorie zu verfallen. »Prosperity feeds upon itself« - Wohlstand gebiert immer neuen Wohlstand, meinte der künftige Oberste Bundesrichter Charles Evans Hughes. Selbst der gewitzte Henry Ford ließ sich täuschen. Eigentlich müßte das System zusammenbrechen, erkannte er, beruhigte sich dann aber gleich selbst: dazu sei das System zu sehr »von bestimmten wirtschaftlichen und sittlichen Grundwahrheiten durchdrungen«.1

Börsenkrach und Wirtschaftsdepression

Bei nüchterner Betrachtung hätte man eine Reihe von Vorwarnungen nicht übersehen können. Löhne und Preise stiegen kontinuierlich, aber nicht schnell genug, um mit gestiegenen Gewinnen, Mieteinnahmen und Dividenden Schritt zu halten. Wo Löhne relativ stabil blieben, fielen die Kosten, und die Gewinne der Unternehmer und Teilhaber wuchsen unverhältnismäßig an. Überschüssiges Kapital floß in produktive Erwerbszweige, was das Problem vergrößerte: die Produktion wurde erneut gesteigert. Der Absatz hielt mit dem Ausstoß nicht mit. Niemand konnte einen Investitionswilligen daran hindern, Geld in ein Unternehmen zu stecken, das ohnehin Absatzschwierigkeiten hatte. Preisabsprachen beeinträchtigten den Regelmechanismus von Angebot und Nachfrage. Es war schwer zu entscheiden, wann ein Markt seinen Sättigungsgrad erreicht hatte. Preise fielen nicht unbedingt als Reaktion auf gesunkene Nachfrage. Die Aktienkurse wurden durch Bieten und Überbieten, nicht aber durch strukturelle Verbesserungen in den Firmen hinaufgetrieben. Das allgemeine Vertrauen in den bull market, der auf Hausse spekulierte, blieb fast bis zuletzt unerschüttert. Befristet verliehenes Geld brachte zehn Prozent Zinsen ein. Ein breites Publikum hatte sich durch den Kauf von Kriegsanleihen an Zinseinnahmen gewöhnt und konnte nicht wissen, daß die Börse an der Wallstreet einem Spielkasino glich, das Outsidern die schlechteren Gewinnchancen zuwies.

Der »Schwarze Freitag« des Jahres 1929 dauerte in Wahrheit mehrere Tage. Knapp eine Woche vor dem ominösen Datum waren die Kurse erstmals ins Wanken geraten. Am 24. Oktober, einem Donnerstag, sanken sie erneut. Zwei Tage später mobilisierte das Wall Street Journal die letzten Reste an Optimismus und behauptete, die Kursverluste würden die reale Kaufkraft nicht tangieren. Aber am Dienstag, dem 29. Oktober, brach der Boden endgültig durch. Fünftausend Banken fallierten, neun Millionen Sparkonten existierten nicht mehr. Wer sein Schäfchen nicht rechtzeitig ins Trockene gebracht hatte, war finanziell ruiniert. In seinen Radiomonologen zu aktuellen Ereignissen spottete Will Rogers, die Spekulanten würden an den Fenstern der Wolkenkratzer Schlange stehen um hinauszuspringen.2

Für die Ursachen des »Crash« wurden verschiedene Erklärungen angeboten. Teilweise konkurrieren sie miteinander, teils ergänzen sie sich; einige sind nur kurios. Bis zum Oktober waren die kurzfristigen Gewinnerwartungen geschrumpft. Da der Käufermarkt nicht gelenkt werden konnte, mußte es zu »horizontalen Fehlanpassungen« kommen. In der Autoindustrie gab es bereits ein Überangebot. Der Wohnungsbau stagnierte oder ging zurück. Die hohen Investitionen der Jahre 1928 und 1929 hatten in einzelnen Branchen Überkapazitäten erzeugt. Es kam zur Katastrophe, weil zuviel investiert worden war, weil Gelder dort angelegt wurden, wo man sie nicht wirklich brauchte. Deswegen sprach man auch von einem Überkochen des Börsenmarktes. Durch Überproduktion war die Industrie abhängig von ausländischen, nicht unter amerikanischer Kontrolle stehenden Märkten. Wer behauptete, Europas ungesunde Wirtschaft habe auf Amerika zurückgeschlagen, ließ unberücksichtigt, daß die USA an ihren hohen Einfuhrzöllen festhielten. Im Jahr nach dem Börsenkrach legte der protektionistische Smoot-Hawley-Tarif der deutschen Wirtschaft erneut die Daumenschrauben an, was Hitler beim Aufstieg zupaß kam.3

Andere Interpreten stellten statt des Überinvestments die Unterkonsumption heraus. Eine Volkswirtschaft prosperiere nur dann, erläuterte der Wirtschaftsprofessor Rexford Tugwell, wenn die Kaufkraft der Verbraucher so groß ist, daß die produzierten Güter auch gekauft werden können. Und 1929 habe die Produktivkraft die Kaufkraft weit überholt. Nach dieser strukturellen Erklärung resultierte die Krise aus einer ungleichgewichtigen Sozial- und Wirtschaftsordnung, »deren besonderes Merkmal die enorme Disparität der Einkommensverhältnisse war«.4 Der Volkswirtschaftler John Kenneth Galbraith hat diesen strukturellen Ansatz am deutlichsten herausgearbeitet. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Jahres 1929 krankten an der asymmetrischen Einkommensverteilung. Fünf Prozent der Bevölkerung verfügten über ein Drittel des privaten Vermögens. Eine dubiose Firmenstruktur schränkte die Bewegungsfreiheit von Fabrikationsbetrieben ein, damit die Dividenden der Holdings ausgezahlt werden konnten. Die Struktur des Bankgewerbes mußte zwangsläufig zu einer dominoartigen Verbreitung von Pleiten führen. Dazu kamen Probleme mit der Außenhandelsbilanz und der Mangel an neutralen Wirtschaftsexperten.

Galbraith war von der allgemeinen Ansicht ausgegangen, daß der Finanzkrach etwas mit der vorangegangenen Spekulation zu tun gehabt hatte. Das Vertrauen in kurzfristige Gewinne konnte nicht ewig währen, irgendwann mußte das schwach strukturierte Gebäude unter einer Lawine von Panikverkäufen zusammenbrechen. Der Spekulationstrieb konnte nur mit Optimismus aufrechterhalten werden und dem schönen Glauben, daß auch gewöhnliche Leute reich werden dürfen.5 Der Historiker Arthur Schlesinger knüpfte an diese polit-psychologische Erklärung die Vermutung, liberale und konservative, idealistische und materiell orientierte Phasen würden sich ablösen. Der Konjunkturzyklus unterliege auch einem Ideenrhythmus, denn so wie die menschliche Trägheit dem Liberalismus Grenzen setze, so begrenze die Langeweile die Lebensdauer konservativer Abschnitte. Schlesingers Vater hatte in dem Essay »The Tide of National Politics« ein Alternieren von liberalen und konservativen Epochen im Abstand von fünfzehn bis sechzehn Jahren ausgemacht, allerdings ohne Bezug auf die wirtschaftliche Lage, die jetzt der Sohn mit ins Spiel brachte.

Psychoanalytisch orientierte Zeitgenossen verglichen den Konjunkturzyklus und seine katastrophalen Ausbuchtungen mit dem manisch-depressiven Irresein. Wildem Spekulieren liege in Wahrheit Daseinsfurcht zugrunde. Wer Vertrauen in die Wirtschaft predigt, pfeift im Dunkeln, um sich Mut zu machen. Optimismus verberge Angst, und ein Wirtschaftsboom sei nichts anderes als ein Abwehrmechanismus. »Angst erzeugt Aktion und die Aktion erhöht wieder die Angst ...«6 Der Schriftsteller F. Scott Fitzgerald steuerte ebenfalls eine psychologisierende Erklärung bei. Er hatte schon seit 1927 Anzeichen gesteigerter Nervosität wahrgenommen, die sich in der Popularität von Kreuzworträtseln niederschlugen. Schließlich gab es noch die Astrologen, die eine bestimmte Konstellation der Gestirne für Wirtschaftskrisen verantwortlich machten.

War es schwierig, die Ursachen des Bankenkrachs schlüssig zu erklären, so fiel es noch schwerer, eine Erklärung für die langanhaltende Wirtschaftsdepression zu finden. Kommunisten sahen in der Dauerkrise die Lehre von den inneren Widersprüchen des Kapitalismus bestätigt. Grotesker konnte man sich die wirtschaftliche Situation auch nicht vorstellen. Die Schlangen vor den Suppenküchen bildeten sich gewissermaßen im Schatten voller Getreidesilos. Im Westen schnitten Rancher ihren unverkäuflichen Schafen die Hälse durch und warfen sie in die Canyons. Die Ernte aus den Obstplantagen und Orangenhainen wurde unter Produktionskosten verkauft. Im Staat Mississippi kam an einem Apriltag des Jahres 1932 ein Viertel der Farmen unter den Hammer. In Kentuckys Harlan County aßen die von Armut gebeutelten Bergarbeiterfamilien wilde Kräuter. Städter verloren ihre Wohnung, weil sie die Miete nicht aufbringen konnten. In Manhattan lebte ein Ehepaar in einer Höhle des Central Park.7

Die Löhne waren schneller gefallen als die Preise- innerhalb von drei Jahren um 55 Prozent -, während die Dividenden zumindest während der ersten beiden Depressionsjahre auf gleichem Niveau gehalten werden konnten: Geld verkaufte sich immer noch besser als Arbeit. Zur symbolischen Figur der Zeit wurde der arbeitslose junge Familienvater, der an den Straßenecken der Großstädte Äpfel oder Luftballons feilbot. Trotz der hohen Arbeitslosenziffern wollte Präsident Hoover vom Prinzip der lokalen Verantwortlichkeit für das Fürsorgewesen nicht abrücken. Damit befand er sich im Einklang mit der Verfassung und mit der herrschenden Ideologie. Die Bundesregierung half einem Bürger notfalls in seiner Rolle als Produzent, um die Produktion wieder anzukurbeln, nicht aber in seiner Rolle als Konsument des Produzierten. 8

In Pennsylvania lebte ein Drittel der Bevölkerung von der Fürsorge. In Chicago waren 40 Prozent der Einwohner oder 700 000 ohne Arbeit. Das Nationaleinkommen schrumpfte zwischen 1929 und 1932 um die Hälfte. 1933 war die Zahl der Arbeitslosen auf 12 bis 13 Millionen gestiegen. Hoover plädierte für eine Erneuerung des Vertrauens, aber der Volksmund nannte die Ansammlungen von Elendsquartieren aus Wellblech, Pappe, alten Türen und Ofenrohren Hoovervilles. Hoover Wagons hießen die Fahrzeuge, die vor allem im ländlichen Süden aus kaputten Autos zusammengebastelt wurden - mit ausgebautem Motor und einer Deichsel am Chassis. Über eine Million Menschen begaben sich auf die Wanderschaft, auf die Suche nach Arbeit, nach Abenteuern oder weil sie einfach ihrem Bewegungsdrang nachgaben, wie einer der besten Kenner der Epoche feststellte. Edmund Wilson beschrieb nach einer Reise durch Amerika unter dem Titel »The Jumping-Off Place« die Stadt mit der höchsten Selbstmordrate, das kalifornische San Diego an der Südwestgrenze der USA: »Man steht anscheinend vor dem letzten, blinden, vergeblichen Aufschäumen des großen amerikanischen Abenteuers. Diese Leute, denen man so lange >go West< gesagt hat, wollen sie Armut, Krankheit, Fehlanpassung, Industrialisierung und Unterdrückung entgehen, sie entdecken jetzt im Westen, daß ihre Probleme und ihre Gebrechen geblieben sind und daß es kein Weiterkommen gibt.« Studs Terkel interviewte ein altes Ehepaar aus Iowa, das während der Wirtschaftskrise seine Läden hatte schließen müssen.

New Deal 1931

Der Arbeiter, der Farmer und der ehrliche Geschäftsmann verlangen von Spekulanten, Big Business und korrupten Politikern, daß die Karten neu gemischt werden - eine Karikatur von John Baer (1931)

»Sie haben wieder aufgemacht wann?« - »Wir haben keinen mehr aufgemacht.« - »Was haben Sie seither getan?« - »Herumgesessen.«9

In den großen Städten verdingten sich Männer aus Not als Fensterputzer, eine gefährliche Arbeit, die damals pro Tag drei Dollar einbrachte. »Ledge dancers« nannte man sie, und viele waren noch nach Jahrzehnten, als über Sechzigjährige, in diesem Beruf tätig. In Muncie (Indiana) und in anderen Städten stritten sich Männer und Frauen um Arbeitsplätze. Krankenschwestern und Schauspielerinnen stellten sich vergleichsweise gut. Aber von Muncies acht Ärztinnen des Jahres 1920 praktizierte 1930 keine mehr. Eine Zahnärztin hatte aufgegeben, und einer einzigen Rechtsanwältin standen 73 männliche Kollegen gegenüber. Sogar die Zahl der Lehrer wuchs schneller als die der Lehrerinnen. Die Scheidungsrate fiel, das überraschte nicht, doch auch die Heiratsquote nahm ab. Dies vermutlich deshalb, weil die Arbeiterklasse von der Krise zuerst und härter getroffen wurde und nicht mehr über die Mittel zu einer Familiengründung verfügte. Besonders empfindlich spürten die Krise ohnehin schon unterprivilegierte Minderheiten, alte, kranke und arme Menschen. Im texanischen Houston nahm die Verwaltung Fürsorgeanträge von schwarzen oder mexikanischen Bewerbern gar nicht erst an. »I grab the first thing smokin'« sagte der Schwarze, der davon träumte, mit der Eisenbahn in den industriellen Norden zu fahren. Statt Arbeit, Brot und Gleichheit fand er bittere Not vor. »Die Müllabfuhr ist da«, ließ Redd Foxx einen schwarzen Familienvater sagen, »sie soll lieber was hierlassen.« Und das war gar nicht stark übertrieben. In Oklahoma tauchte der Vorschlag auf, Restaurantbesitzer sollten die Tellerreste in Behältern sammeln und Arbeitslosen geben, die sich durch Holzhacken einen Anspruch darauf erworben hatten. In New York war jedes fünfte Schulkind unterernährt, in Oklahoma City und in Minneapolis kam es zu »Hungerkrawallen«, während neben den Eisenbahnlinien das Getreide verschimmelte.10

Henry Adams hatte sich einmal eine Zeit vorgestellt, in der die Menschen ohne Not und Angst lebten und dazu ausgerechnet die 1930er Jahre ausersehen. Niemals vor und nicht mehr seit den dreißiger Jahren haben die Amerikaner derart tiefe Zweifel an ihrer Lebensform gehegt. Die Krise der Wirtschaft hatte eine Krise des Amerikanismus heraufbeschworen. Das Vertrauen in die magischen Fähigkeiten des Businessman war geschwunden. An den primitiven Aufstiegsmythos von der Gosse in die Paläste der Rockefellers wollte niemand mehr so recht glauben. Der in Schriften wie Cheer Up! Better Times Ahead! propagierte Optimismus wirkte unecht und billig. Man mußte zugeben, in einem Land zu leben, in dem Menschen verhungerten. In der Zeitung konnte man lesen, daß es verwahrloste Kinder gab, denen die Würmer aus den Nasenlöchern krochen. Es gehörte eine Portion Unverfrorenheit oder eben Sentimentalität dazu, unter diesen Umständen die Depressionsjahre als eine kreative, lebendige und warmherzige Zeit zu bezeichnen.11

Amerikaner stellten sich die Frage, ob Amerika wirklich anders war als Kanada oder Australien, ob man Kansas City wirklich den Vorzug vor Montreal oder Sidney geben mußte oder ob es nicht besser gewesen wäre, gleich in Europa geblieben zu sein. Schwere und Dauer der Wirtschaftskrise drohten dem amerikanischen Volk das Gefühl der Einzigartigkeit zu nehmen. Die politische Reaktion auf die Krise kam Europäern allerdings wieder sehr eigentümlich vor, nämlich phlegmatisch. Von Revolution sprach man eher beiläufig, wie von den Wetteraussichten. Die Kirchen fanden keinen nennenswert größeren Zulauf. Die Wahlbevölkerung gab 1932 den Kommunisten nur 120000 Stimmen, Sozialisten fanden weniger Echo als 1912 oder 1920, die Populisten mobilisierten ganze vier Wähler. Keine der 26 »dritten« Parteien brachte das Zweiparteiengefüge ins Wanken. Hoovers erfolglose Politik ließ den Republikanern keine Chance, mochte der Autokönig Ford in seinen Fabrikhallen auch für sie werben. Durch das brutale Vorgehen der aktiven Soldaten MacArthur und Eisenhower gegen arbeitslose Kriegsveteranen des »Bonus March« hatte die amtierende Regierung weitere Sympathien verspielt. Die Wahlen gewannen mit haushoher Überlegenheit die Demokraten und ihr Präsidentschaftskandidat, der zweite Roosevelt.12

Franklin D. Roosevelt

Sieben Wochen brauchten die Eltern von Franklin Delano Roosevelt, bis sie sich auf einen Namen für ihren neugeborenen Sohn geeinigt hatten. Die Mutter hielt Franklin mehr für einen Delano, ihr Mädchenname, als für einen Roosevelt. Der Vater James Roosevelt war doppelt so alt wie seine Frau Sara und hatte bereits einen Sohn in ihrem Alter. Franklin Roosevelt wuchs in wohlhabender Umgebung heran, betreut von einem halben Dutzend Dienstboten. Die Eltern mußten seinetwegen ihr gesellschaftliches Leben nicht einschränken. Auf viele ihrer Reisen haben sie den Sohn mitgenommen. Ehe er fünfzehn wurde, hatte er schon acht monatelange Europareisen hinter sich. Obwohl er oft kränkelte oder in kindlicher Wut Glas zerbiß, scheint seine Erziehung doch auf die richtige Mischung von Freiheit und Kontrolle hinausgelaufen zu sein. Er gewann Selbstachtung ohne Selbstüberschätzung, fürchtete sich nicht vor Fremden und war doch auf der Hut vor ihnen. Im Alter von 14 Jahren hatte er bei der Mutter energisch auf Autonomie gepocht und ihr geschrieben: »Bitte treffe keine Vorkehrungen mehr für mein zukünftiges Glück.«

Roosevelt besuchte die exklusive Groton School, bezog danach Harvard, wo er sich durch soziales Engagement hervortat. In der Universitätszeitschrift Crimson trat er für Reformen auf dem Campus ein. Den nächsten Studienabschnitt an der juristischen Fakultät der Columbia-Universität beendete er ohne Examen, schaffte aber die Zulassung als Rechtsanwalt und trat einer Anwaltsfirma bei. Als 28jähriger zog er in den Senat des Staates New York ein, unterstützte die Kandidatur Woodrow Wilsons und wurde unter seiner Präsidentschaft Staatssekretär im

Marineministerium. Durch den Sieg Hardings schien seine politische Karriere beendet, denn er hatte sich bei den Demokraten um die Vizepräsidentschaft beworben. 1921 büßte er durch Kinderlähmung seine Gehfähigkeit ein. Er konnte sich fortan nur noch mühsam auf Krücken oder im Rollstuhl fortbewegen und mußte bei vielen Gelegenheiten auf dem Arm getragen werden wie ein Kind. Roosevelt hat sein Gebrechen mit Selbstdisziplin und auch mit Humor bewältigt.

Roosevelt
Franklin Delano Roosevelt (1882-1945)

Flotte Sprüche wie »Das ist lustig wie 'ne Krücke« oder »Tut mir leid, ich muß jetzt losrennen« am Ende eines Gesprächs kamen ihm scheinbar leicht über die Lippen. Selten hat er sich so eine Blöße gegeben wie auf einem Parteikongreß, als er hingefallen war und seinen Mitarbeitern zuzischte: »Sammelt mich auf!« Die Öffentlichkeit sollte seine Behinderung möglichst nicht wahrnehmen, was freilich nur mit der Kooperation der Pressefotografen gelang. Eigens für den rollstuhlfahrenden Präsidenten wurden überall in Washington Rampen.errichtet (und nach aber er war »emotional verkrüppelt«, unfähig, jemandem wirklich nahezukommen. Am Ende holten ihn depressive Stimmungen ein, da verlor er dann auch das Interesse am Erhalt seiner körperlichen Gesundheit.13

Politisch gefördert wurde Roosevelt in den zwanziger Jahren von der demokratischen Präsidentschaftshoffnung Alfred Smith, der ihn dazu ermutigte, für den Posten des New Yorker Gouverneurs zu kandidieren. In diesem Amt profilierte sich Roosevelt mit einer Reihe von Reformprogrammen, darunter das erste umfassende System seines Landes zur Arbeitslosenunterstützung. Im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten gab er seinem politischen Ziehvater Al Smith das Nachsehen, im November 1932 gewann er die Wahl gegen den Republikaner Hoover. Kurz nach den Wahlen feuerte ein Attentäter fünf Schüsse auf ihn ab, tötete den neben ihm sitzenden Chicagoer Bürgermeister Anton Cermak und erklärte nach seiner Festnahme, er hätte wegen seiner Magenschmerzen mit Kapitalisten eine Rechnung zu begleichen.

Kein Präsident seit Lincoln hatte sein Amt zu einem derart kritischen Zeitpunkt übernehmen müssen wie Roosevelt. Mit seiner Rede zur Amtseinführung gelang ihm eine erste Bewährungsprobe. Mit der Formel »the only thing we have to fear is fear itself«* erwarb er sich inmitten von Hoffnungslosigkeit und Panik ein Stück Vertrauen, das Hoover mit inhaltlich identischen, aber rhetorisch lahmen Appellen versagt geblieben war. Auf seine Rede erhielt er fast eine halbe Million Zuschriften. Ein Firmenchef forderte seine Angestellten zum Aktivismus auf: »Präsident Roosevelt hat seinen Teil beigetragen: jetzt tut ihr auch mal was. Kauft etwas, egal was und wo; streicht eure Küche neu, gebt ein Telegramm auf, schmeißt eine Party, kauft ein Auto, zahlt eine Rechnung, mietet eine Wohnung, repariert das Dach, geht zum Friseur oder ins Kino oder auf Reisen, singt ein Lied, heiratet. Es ist egal was ihr macht - nur: setzt euch in Trab und haltet euch ran. Diese alte Welt setzt sich nämlich wieder in Bewegung.«14

      * »Es ist nichts zu fürchten als die Furcht« hatte Ludwig Börne schon 1862 geschrieben.

Roosevelt war ein Meister der öffentlichkeitswirksamen Selbstdarstellung. Er konnte »my old friend« in elf Sprachen sagen und hat sich einmal damit gebrüstet, die Verfassung von Haiti selbst geschrieben zu haben, was nicht stimmte. Verfasser der ersten Inaugurationsrede war der Collegeprofessor Raymond Moley gewesen. Roosevelt schrieb das getippte Manuskript eigenhändig ab, um Biographen und Nachwelt zu täuschen.15 Roosevelt-Reden entstanden in Teamarbeit nach den Kriterien einer Werbeagentur. Weisungsgemäß mußten die Ghostwriters den »God stuff« einbauen, was an Thorstein Veblen erinnert, der Religion in Amerika als »verkäufliche Imponderabilien« eingestuft hatte.

Nach dem Fehlurteil des Kolumnisten Walter Lippmann war Roosevelt ein netter Mensch, brachte jedoch fürs Weiße Haus keine »wichtigen Qualifikationen« mit. Von wirtschaftlichen Dingen verstand er wenig, erkannte John Maynard Keynes nach einem Gespräch. Ein Berater mußte sich sehr wundern, als Roosevelt zwei konträre Vorschläge zur Schutzzollpolitik mit den Worten »bringt sie unter einen Hut« weitergab. Aber gerade die Fähigkeit, sich nicht zur Unzeit festlegen zu lassen, machte sein politisches Genie aus. Seine Mitarbeiter haben übereinstimmend von seiner unverwüstlichen Heiterkeit berichtet und von einer schier unmenschlichen Widerstandsfähigkeit, aber auch von seiner Undurchdringlichkeit. Er schien drei oder vier verschiedene Persönlichkeiten in sich zu vereinen, die sich aber nicht gegenseitig behinderten, sondern die er, wenn nötig, ganz abrupt zu seinem jeweiligen praktischen Vorteil einzusetzen wußte - konfliktscheu oder rabiat, unentschlossen oder skrupellos. Als erster Präsident konnte er über Radio direkt mit 30 Millionen Haushalten in Kontakt treten, eine technische Möglichkeit, die er für seine fireside chats nutzte. Volksnahe Beurteilungen mußte er sich nicht gewaltsam abringen. Den Russen, sagte er, könne man den »American way of life« am besten mit einem Katalog des Warenhauses Sears-Roebuck erklären. Die Beantwortung von Zuschriften der Bürger - bis zu 8000 pro Tag - ließ er neu organisieren. Ein elektrischer Brieföffner wurde angeschafft, ein Stab von 50 Leuten setzte Antwortschreiben auf. Bald wurden die Briefe nicht mehr gezählt, sondern die Höhe der Stapel gemessen. George Gallup erkannte, daß der Erforschung der öffentlichen Meinung mehr Gewicht zukam und gründete 1935 das American Institute of Public Opinion.

Roosevelt war ein großer Sammler von Briefmarken, seltenen Büchern und Schiffsmodellen und umgab sich mit Erinnerungsstücken aller Art. Für einen modernen Menschen war er erstaunlich abergläubisch. Stühle an einem Tisch umzustellen, brachte nach seiner Meinung Unglück. Er zeigte eine eher akustische Orientierung, lernte lieber durch Zuhören als durch Lesen. Vielleicht waren diese Eigenschaften mitentscheidend für Roosevelts politische Leistungen auf dem Gebiet der sozialen Sicherheit, die zumindest für amerikanische Verhältnisse von bahnbrechender Bedeutung waren. Die Geschichtsschreibung neigt dazu, Roosevelt zu den aktiven und positiven Präsidenten zu rechnen.16 Sein Bild in der Geschichte ist freilich noch nicht festgelegt. Allein in der Roosevelt Library in Hyde Park auf Long Island lagern 45 Tonnen Dokumente. Seine Taktik in den Jahren vor dem Kriegsausbruch ist noch nicht im einzelnen geklärt. Die von Hoover erfundene, von Roosevelt popularisierte »Good Neighbor Policy« gegenüber Lateinamerika wird heute eher kritisch beurteilt.

»Ich verspreche euch und verpflichte mich auf einen new deal für das amerikanische Volk«, sagte Roosevelt bei der Annahme seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten. Ein Karikaturist griff die beiden Wörter »new deal« auf, denen Roosevelt angeblich gar keine besondere Bedeutung zugemessen hatte; wenig später waren sie in aller Munde. Womöglich wurde das Schlagwort aber einer Karikatur von John Baer aus dem Jahr 1931 entnommen: Der Spekulant, der Konzernherr und der korrupte Politiker spielen Karten gegen den aufrechten Geschäftsmann, den Farmer und den Arbeiter. »Wir fordern einen New Deal«, sagen die ehrlichen Spieler, die Karten sollen neu gemischt, die Chancengleichheit hergestellt werden. Geht man noch ein paar Jahre zurück, findet man 1924 eine Devise, mit der ein Bürgerkomitee den progressiven Politiker Robert LaFolette unterstützte: »Wir glauben, daß die Zeit für einen new deal gekommen ist. «17

Seiner politischen Erziehung nach war Roosevelt ein Progressivist. Überkommene soziale Übel ließen sich seiner Meinung nach durch die richtigen Gesetze abstellen. So gesehen befand er sich in der gleichen Ausgangssituation wie Woodrow Wilson. In seinen Wahlkampfreden beklagte Roosevelt die Monopolisierung des Wirtschaftslebens durch sechshundert große Firmen, die zwei Drittel des Marktes beherrschten, während zehn Millionen kleinere Unternehmer sich in das letzte Drittel teilten. Er kritisierte die Prinzipien des klassischen Wirtschaftsliberalismus und des Sozialdarwinismus. Die Philosophie des laissez-faire habe das Gesetz des Dschungels zum Nutzen des »so-called fittest« heraufbeschworen. Den Gerichtshöfen, die ein Gesetz zur Arbeitsunfallversicherung für verfassungswidrig erklärt hatten, warf er vor, in Begriffen des 17. Jahrhunderts zu denken. Kein Verständnis konnte er für die Anhänger des »letting things alone« aufbringen, wenn sie sozialfürsorgerische Maßnahmen als paternalistisch abqualifizierten. »Also gut, wenn das paternalistisch ist, dann bin ich eben ein Vater.18

Währung und Arbeitsmarkt

Der New Deal bestand aus einem wirtschafts- und sozialpolitischen Reformprogramm, mit dem ab 1933 die seit 1929 andauernde Wirtschaftskrise behoben und katastrophale Bewegungen im Konjunkturzyklus künftig unterbunden werden sollten. ...


Quellen und Anmerkungen

I. Die Zeit des New Deal

1. Robert A. Gordon: »Exhaustion of Investment Opportunities«. Aus: R. Himmelberg (Hrsg): The Great Depression and American Capitalism«. Boston 1968, S. 104ff.; Henry Ford: My Life and Work (1922). London 1928, S. 9

2. Harry Carman/H. Syrett: A History of the American People. New York 1957-1959; Ferdinand Pecora: Wall Street Under Oath (1939); William Leuchtenburg: Franklin D. Roosevelt and the New Deal 1932-1940. New York 1963, S. 18, 20; Erich Angermann: Die Vereinigten Staaten von Amerika. München 1978, S. 125

3. Robert A. Gordon; Malcolm Cowley: The Dream of the Golden Mountains. Remembering the 1930s. New York 1981, S. 26; John K. Galbraith: The Great Crash. Boston 1961, S. 185ff.

4. Max Silberschmidt: Amerikas industrielle Entwicklung. Bern 1958, S. 213 5. Galbraith, 1961, S. 175 u. passim

6. John J. Morgan aus: Himmelberg, 1968, S. 13

7. Leuchtenburg, 1963, S. 3, 19, 23

8. Cowley, 1981, S. 30

9. John Hicks: Republican Ascendancy 1921-1933. New York 1963, S. 270; Leuchtenburg, 1963, S. 2; E. Wilson: The American Jitters (1932), zit. n. Cowley, 1981, S. 17; Studs Terkel: Hard Times. New York 1970, S. 222 f.

10. New York Times, 11.3.1969; Robert u. Helen Lynd: Middletown in Transition. New York 1937, S. 55 ff., 150; Hicks, 1963, S. 270; Cowley, 1981, S. 23; Harper's, Jan. 1985

11. The Education of Henry Adams. New York 1931, Kap. 35, Schlußworte; Sinclair Lewis: It Can't Happen Here. New York 1935, S. 127; Roger Babson: Cheer Up ... (1932); Frank Harvey: Nightmare County. New York 1964, S. 132; Saul Alinsky bei Terkel, 1970, S. 313

12. Sinclair Lewis, 1935, S. 140; Cowley, 1981, S. 41,107; Robert Griffith: Men Wanted for the US Army. Westport 1982, S. 125; The Realist, Feb. 1961, S. 16

13. Leuchtenburg, 1963, S. 169; Hugh Gallagher: FDR's Splendid Deception. New York 1985

14. Zit. n. Leuchtenburg, S. 47

15. Richard Hofstadter: The American Political Tradition and the Men Who Made It. New York 1948, S. 316; Kenneth Davis: »FDR as a Biographer's Problem«. In: American Scholar, Wi. 1983/84, S. 102. - Der poet-politician entpuppte sich in diesem Fall als calligrapher-politician

16. New York Herald Tribune, 28.4.1932, zit. n. Leuchtenburg, 1963, S. 10; Leuchtenburg, S. 33; K. Davis, 1983/84, S. 104ff.; John Lukacs: Outgrowing Democracy. Garden City 1984, S. 41; James Barber: The Presidential Character. Englewood Cliffs 1972

17. Leuchtenburg, 1963, S. 8; Hicks, 1963, S. 105

18. Rede vor dem Common Wealth Club in San Francisco und Rede in Detroit am 2.10.1932

 

Google-Suche in www.meudalismus.dr-wo.de (mit Werbeanzeigen)

Loading

DEN DEUTSCHEN MEUDALHERREN

Mittelschicht?
Der Farbbalken
unten zeigt die
Gesellschafts-
schichten anhand
der aktuellen
Zahlen zu M1.
Weitere Infos
       
Zur Erläuterung anklicken!
Aktuelle Zahlen (Dezember 2016):
Geldmengen pro Haushalt /
 Veränderung p.a.:

Bar: 6.084,15 €
Sichteinlagen (Girokonto, Tagesgeld)
  : 46.904,99 €
M1: 52.989,14 € / +7,5%
Spareinlagen, Festgeld
  : 20.764,21 €
M2: 73.753,35 € /  +5,3%
M3: 74.764,90 € /  +5,2%
Vermögen & “Stundenlohn”
des reichsten Deutschen:

17,10 Mrd. € / 479.045 €
Die 60 DM Kopfgeld 1948
entsprechen heute:

 8.837,23 €
Der Monatslohn, um heute die Kaufkraft
der 60 DM von damals zu erhalten:

17.674,47 €
Der Bruttostundenlohn aller 
Arbeiter vom Dez. 1948
entspricht heute:
166,43 €
Geldumlaufgeschwindigkeit:
sinkt 2016 dramatisch auf 1,43
(1981 noch 6,56)
Aktuelle Themen:
Krisenpolitik - eine unendliche Geschichte
Elmar Weixlbaumer, Billionaires Club
 

50 Jahre nach
Ludwig Erhard
»Wohlstand für Alle«:


*Dr. Jürgen Borchert, Vorsitzender Richter am Hessischen Landessozialgericht
Weitere Infos

 


Die Bücher sind vergriffen.
Sie erhalten sie als
PDF-Datei geschenkt:


Wie der Nil in der Wüste
2007 und 2009 als PDF
 
PDF

Was auch Sie tun können!

Sie möchten auf dem Laufenden bleiben?
feudalismus-e-group
twitter.com/DrWo
Facebook: Meudalismus

 XING: Meudalismus

Stimmen Sie ab auf der Internetseite der Bundeskanzlerin!

Zeigen Sie Flagge
mit einem T- oder Polo-Shirt und passendem Spruch!

Zum Vergrößern anklicken!Zum Vergrößern anklicken!
*Damit läuft Dr. Wo in Karlsruhe herum.

Sie erhalten das “Shirt” schon mit vorbereitetem Text u. a. bei
www.shirtway.de
www.shirtpainter.com
 

Vorsicht Satire!

“Der Feudalismus von heute ist ein Feudalismus mit menschlichem Gesicht.”


Der Aufschwung ist da!


“Die richtigen Fragen

Die Anstalt vom 05.04.2016 fast nur der Kritik am modernen Feudalismus gewidmet: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2678346/Die-Anstalt-vom-5-April-2016?flash=off