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Seit Jahren und Jahrzehnten wird von Parteien, Politikern und sogar Medien die Bildung immer wieder als Lösung der Probleme der Wirtschaft und der Arbeitslosigkeit angeführt. Es gäbe ein paar Hunderttausend freie Arbeitsplätze, wird argumentiert, doch die Bewerber seien dafür meist nicht qualifiziert. Deshalb müsse mehr für die Bildung getan werden. Das klingt erst einmal ganz logisch. Zum Teil wird noch weiter argumentiert: Wenn erst einmal die freien Arbeitsplätze besetzt seien, würde die Konjunktur steigen, was wiederum zu einem größeren Arbeitsplatzangebot führen würde. Auch das hört sich noch plausibel an.
Doch der Ruf nach Bildung und nach gleichen Bildungschancen für alle, der ursprünglich auch gut gemeint war, kehrt sich in sein Gegenteil um. Mehr Bildung führt nicht zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit, sondern nur zu mehr Konkurrenz der Arbeitslosen um freie und besetzte (!) Arbeitsplätze. Es ist sogar schlicht unsozial, Bildung derart überzubewerten.
1. Bildung für sich genommen ist ein wichtiger kultureller und wirtschaftlicher Wert. Daran besteht gar kein Zweifel. In Deutschland war das wegen der zwei Weltkriege besonders zu spüren. Jeder Krieg hat in einem Land nicht nur wirtschaftlichen Schaden zur Folge, sondern auch ganz erheblichen Schaden bei der Bildung der Kinder und folglich bei der Bildung der Bevölkerung insgesamt. Wenn die Menschen um ihr nacktes Überleben kämpfen müssen, haben sie keine Zeit für Bildung. Bildung ist ein Wert für sich. Dennoch darf man sie nicht zum Allheilmittel küren.
2. In der heutigen Arbeitsmarktsituation führt mehr Bildung nicht zu mehr Chancengleichheit unter den Menschen, sondern lediglich zu einem größeren Kampf um Arbeitsplätze auf höherem Niveau. Dadurch werden sogar bestehende Arbeitsverhältnisse in Mitleidenschaft gezogen; m. a. W.: Arbeitnehmer müssen hinsichtlich ihres Arbeitsplatzes zunehmend die Konkurrenz von Arbeitslosen fürchten. Mobbing es dabei noch eine harmlose Zeiterscheinung.
Ich selbst bin promovierter Jurist und weiß, was Bildung ist. Ich weiß auch, dass heute und sicher auch noch im nächsten Jahrzehnt Bildung überhaupt keinerlei Gewähr für mehr Arbeitsplätze und für weniger Arbeitslose bietet. Mehr Bildung und mehr Kampf um Arbeitsplätze auf höherem Niveau dienen letztendlich nicht den Menschen, die auf abhängige Arbeit angewiesen sind, sondern allein den Arbeitgebern, da sie sich über eine größere Auswahl an Bewerbern und sicher auch über sinkende Löhne und Gehälter freuen dürfen. Mit Arbeitgebern meine ich hier insbesondere die reichen Unternehmenseigner, und nicht die kleinen Unternehmer, die selbst um ihre Existenz kämpfen müssen.
Die Ursachen der Krise unserer Volkswirtschaft und der Massenarbeitslosigkeit liegen nicht in mangelnder Bildung, wie unaufhörlich behauptet wird, sondern ganz woanders. Wäre diese Behauptung richtig, so hätte es in den sechziger Jahren keine Vollbeschäftigung geben können; damals war der Wissensstand in Deutschland mit Sicherheit um etliches niedriger als heute. Die Ursache der heutigen Krise liegt im modernen Feudalismus (Meudalismus), den ich an anderer Stelle ausführlich erkläre.
(Ergänzung 2007: Dass heute Jugendliche die Bildung verweigern, insbesondere diejenigen in den Hauptschulen, liegt primär an der beruflichen Perspektivlosigkeit dieser Jugendlichen. So dumm sind sie nicht, dass sie ihre prekäre Situation nicht erkennen würden. Sie konzentrieren sich deshalb darauf, das Leben „auf ihre Weise“ zu genießen. Die größten Bemühungen von Politikern und Lehrern zu mehr Bildung sind machtlos gegen den Sog der Perspektivlosigkeit dieser Jugendlichen.)
3. Wer Bildung zum wichtigsten Ziele seiner Politik macht, läuft Gefahr, jene aus der Gesellschaft auszugrenzen, die einfach nicht in der Lage sind, einen Bildungsmarathon zu bewältigen. Früher oder später heißt es dann über die Arbeitslosen, sie seien an ihrem Schicksal selbst schuld, weil sie sich einfach nicht genug gebildet haben. Die Überheblichkeit dieser Diskussion zeigt sich auch darin, dass stets die Bildung von anderen gemeint ist, nicht aber die eigene.
Wenn 2004 von angeblichen Sozialdemokraten “Elite-Universitäten” gefordert wurden, ist sogar das ursprüngliche Postulat von der Chancengleichheit über Bord geworfen. Hier sollen erklärtermaßen nur noch Eliten gefördert werden. Um das Allgemeinwohl geht es nicht mehr.
Der ständige Ruf nach mehr Bildung anderer ist in höchstem Maße unsozial. Wir brauchen keine Gesellschaft, in der jeder einen Bildungsmarathon absolvieren muss, selbst wenn er dazu überhaupt nicht in der Lage ist. Wir brauchen vielmehr eine Gesellschaft bzw. eine Wirtschaftsverfassung, in der es - wie in den sechziger Jahren - jedem gelingt, dauerhaft einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, egal welche Bildung er absolviert hat.
(Ergänzung 2010:)
4. Eigentlich sollte man sich wundern, mit welcher Ausdauer und Vehemenz in den letzten 30 Jahren die “Bildung” als das Heilmittel für unsere volkswirtschaftlichen Probleme, insbesondere die Arbeitslosigkeit herhalten musste und immer noch muss. Alle Politiker schreien nach mehr Bildung (freilich nicht nach mehr Bildung bei sich selbst, sondern bei ihren Mitbürgern!), alle Gewerkschaften und alle Arbeitgeberverbände sowieso. Nur selten trifft man auf kritische, logisch denkende Köpfe, die (wie oben) sagen, dass Bildung die Arbeitslosigkeit auch nicht beseitigen kann.
Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass dieser Irrglaube seit Jahrzehnten mit viel Einsatz von unseren Meudalherren gesäht und gepflegt wird. Die schönsten Verheißungen für das persönliche Glück durch höhere Leistungsfähigkeit in der Arbeitswelt (“soziale Teilhabe”) sind Programm:
“Bildung ist die entscheidende Zukunfts-Ressource für Deutschland. Deshalb fordert die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) nicht nur, dass hier deutlich mehr investiert wird, sondern zeigt auch die konkreten Bereiche auf, wo sich Bildungsinvestitionen lohnen. Der Staat muss mehr für die frühkindliche Bildung sowie für effektiveren Unterricht an Schulen und bessere Lehre an den Universitäten tun. Jeder Einzelne ist zudem gefordert, sich lebenslang weiterzubilden, um die eigenen Chancen in der rapide fortschreitenden Wissensgesellschaft zu wahren.” (http://www.insm.de/insm/Themen/Bildung.html) Wer ist die INSM? “Im Dezember 1999 gründen die Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektroindustrie die berolino.pr GmbH mit Sitz in Köln. Einziger Auftrag dieses Unternehmens ist der Aufbau und die Leitung einer modernen Reforminitiative zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft unter den Herausforderungen der Globalisierung, der Demografie und des Wandels der Arbeitswelt.” (http://www.insm.de/insm/ueber-die-insm/INSM-Historie.html) Unter den “Kuratoren und Botschaftern” (http://www.insm.de/insm/ueber-die-insm/Kuratoren-und-Botschafter.html) findet sich der eine oder andere Meudalherr (vgl. [Fakten/Stundenlöhne] “Die Vermögen und ‘Stundenlöhne’ der reichsten Deutschen”). Es sind auch Köpfe des Hamburger Appells dabei, was ja nichts gutes heißt.
“Besseres Lernen, ein Leben lang: Bildung fängt vor der Schule an und endet nie, denn Bildung ist mehr als Wissen. Bildung ist die Basis für ein erfülltes Leben und soziale Teilhabe.” (http://www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/273.htm). Wer hinter Bertelsmann steckt, siehe: [Fakten/Stundenlöhne] “Die Vermögen und ‘Stundenlöhne’ der reichsten Deutschen”
Weitere Indizien für den Zusammenhang zwischen “Bildungsinitiative” und Meudalherren erhalten Sie mit den Stichworten: Bildungspolitik + Quandt, + Würth, + Mohn, + Springer, + Otto Group.
Bei fast allen etablierten Parteien steht Bildung an erster Stelle immer im Zusammenhang mit beruflicher Arbeit:
Bildung aus Lust oder als Muse und Zeitvertreib? Fehlanzeige! Interessant ist der Zusammenhang mit Bildung, den Die Linke an die erste Stelle stellt:
Folgendes ist unbestreitbar:
28.01.2004
http://www.manager-magazin.de/koepfe/artikel/0,2828,283872,00.html
“Wer glaubt, eine gute Ausbildung sei die beste Grundlage für eine prächtige Karriere, liegt falsch. Eine Untersuchung britischer Wissenschaftler zeigt: Gute Umgangsformen sind den meisten Arbeitgebern wichtiger als akademische Titel, Small Talk zählt mehr als Noten.”
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“Der Zusammenhang ist folgender: Mit der Refeudalisierung der Gesellschaft und der Idolisierung des Reichtums werden plötzlich auch teure Luxusinternate, die übrigens verfassungswidrig sind, da eine Sonderung der Schüler nach den Besitzverhältnissen der El-tern laut Art. 7 (4) des Grundgesetzes nicht gefördert werden darf, gesellschaftlich akzeptiert. Allein aufgrund ihrer sozialen Exklusivität, d.h. aufgrund der Tatsache, dass nur Reiche sie sich leisten können, wird ihnen das Attribut ‘Eliteschule’ zuerkannt.
Da nun aber in unserer Gesellschaft immer noch die seit der Französischen Revolution bestehende Vorstellung einer Elitezugehörigkeit bzw. des Aufstiegs in die Elite durch Leistung dominiert, erwartet man von Eliteschulen automatisch, dass ihre Absolventen besonderen Leistungsanforderungen gerecht werden, also eine Leistungselite darstellen.
Dies ist aber bei solchen Luxusinternaten nachweislich nicht der Fall. Im Gegenteil provozieren sie auch noch mit einer Eigenwerbung, die den Grundüberzeugungen einer demokratischen Leistungsgesellschaft diametral entgegengesetzt ist. Allein durch Zugehörigkeit zu dem sozialen Netzwerk ihrer Absolventen, so wird behauptet, seien selbst Schüler mit schlechtem Abi-Durchschnitt später beruflich erfolgreicher als ein 1,0-Abiturient eines staatlichen Gymnasiums.
Hier muss ich eindeutig feststellen: Diese Art von Eliteinternaten braucht unsere Gesellschaft nicht. Vor dem Hintergrund der Refeudalisierung der westlichen Gesellschaften halte ich ihre bloße Existenz schon für politisch bedenklich und gefährlich.”
http://www.newsmax.de/hochbegabtenfoerderung-im-eliteinternat-news51914.html PDF
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“Der Feudalismus von heute ist ein Feudalismus mit menschlichem Gesicht.”
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“Die richtigen Fragen”
Die Anstalt vom 05.04.2016 fast nur der Kritik am modernen Feudalismus gewidmet: